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Öffentliche Ladestationen: Die Zusammenhänge

Eine weite Reise mit dem Elektroauto ist nicht nur ein Thema der Akkukapazität, sondern vor allem eine Frage der Nutzbarkeit von Ladestationen auf dem Weg. Wir lichten den Dschungel.

Öffentliche Ladestationen: Die Zusammenhänge

Betrachtet man die Webseite e-tankstellenfinder.com, so möchte man meinen, dass es kein Problem mehr sein kann, mit einem Elektroauto längere Reisen zu unternehmen, jedenfalls in Mitteleuropa, von Skandinavien bis Norditalien im Verlauf der Nord-Süd-Achse, von Frankreich bis Österreich in West-Ost-Richtung. Aber auch darüber hinaus entwickelt sich das Stromnetz zum Elektrofahrzeuge-Laden kontinuierlich. Doch mehrere tausend Ladepunkte heißt noch lange nicht, dass diese auch jederzeit individuell verfügbar sind. Ganz im Gegenteil: Es gibt noch immer viele Hindernisse, die letztlich die Anzahl der konkret nutzbaren Ladestationen mächtig schrumpfen lässt.

Tausende E-Tankstellen

Die an sich hervorragende Übersicht enthält nämlich sämtliche Ladeanschlüsse, die von den Betreibern gemeldet wurden, also auch solche, die nur für Fahrräder geeignet oder nur zu eingeschränkten Zeiten zugänglich sind. Das kann man zwar auch herauslesen, es verringert sich sodann die Anzahl der im Einzelfall infrage kommenden Stromanschlüsse aber dramatisch. Und es gibt nicht nur technische Hindernisse. Viel eher noch scheitert man daran, dass man einfach nicht die richtige Ladekarte für die nächstbeste Ladestation besitzt. Für alle, die es gewohnt sind, einfach an die nächste Tankstelle zu fahren und dort mit Bargeld, Kredit- oder Bankomatkarte zu bezahlen, ist das ein geradezu unverständlicher Zustand.

Öffentliche Ladestationen: Die Zusammenhänge
Auf der Suche nach Ladestationen ist das Smartphone ein Basiswerkzeug, manchmal kann man es auch zum Zahlen benutzen. Foto: © Daimler AG

Strom gibt’s nicht mit Bargeld

Doch unsere Geschäftswelt befindet sich überhaupt in einem rapiden Transformationsprozess. Strom ist so ziemlich das erste Produkt, das man nicht mit Bargeld bezahlen kann. Und ein einheitlicher Zahlungsmodus über alle Anbieter hinweg hat sich noch nicht durchgesetzt. Das hat natürlich handfeste marktwirtschaftliche Gründe. Jeder Stromanbieter betreibt auch sein Tarifmodell und versucht sich damit im harten Wettkampf durchzusetzen. Für die Kundschaft völlig undurchschaubare Zustände sind die Folge, und die sind unter anderem wohl auch eines der Hindernisse zur raschen Verbreitung des elektrischen Autofahrens. Die Tarifgestaltung der einzelnen Anbieter orientiert sich zwar sehr oft am Mobilfunknetz, aber ein vergleichbares Roaming-System, das die Nutzung der Stromtankstellennetze konkurrierende Anbieter einschließt, ist noch nicht geschaffen. Das steht erst am Anfang.

Öffentliche Ladestationen: Die Zusammenhänge
Unterschiedliche Tarifmodelle und Roaming-Systeme machen die Situation sehr unübersichtlich. Foto: laggers.at

Die Situation ist auf den ersten Blick schlichtweg verwirrend. Aber wenn man dann genauer hinschaut, ist doch nicht alles gar so kompliziert. Es gibt unterschiedliche Tätigkeits- und Zuständigkeitsbereiche in Zusammenhang mit dem Laden und der Verrechnung. Hier die wichtigsten Zusammenhänge:

Die Stromversorger mit ihren Töchtern.

Viele österreichische Stromversorger haben zum Zwecke der Errichtung und des Betriebes von Ladestationen eigene Abteilung oder Tochterfirmen gegründet. In Österreich sind das überwiegend die Nachfolger der ehemaligen Landesenergieversorger und der Verbund mit seiner Ladestationen-Tochter Smatrics. Neben einigen städtischen Energieversorgern, die ebenfalls Ladestationen betreiben, sind auch internationale Energiekonzerne vertreten. Unter der Marke „ella“ überzieht etwa der Windenergiekonzern W.E.B. – mit Stammsitz im waldviertlerischen Pfaffenschlag ­ Österreich mit seinen Grünstromtankstellen. Elle etwa stellt auch die Ladeinfrastruktur für die Supermarktkette Hofer zur Verfügung.

Roamingunernehmen

Im Bundesverband Elektromobilität (BEÖ) haben sich die elf österreichische Energieversorger zusammengeschlossen, an deren Stromtankstellen die jeweiligen Ladekarten gegenseitig anerkannt werden, damit erweitert sich das regionale Ladenetz der eigenen Tankstellen auf ganz Österreich. Die BEÖ-Mitglieder sind auch Mitglieder bei Hubject, einer europaweiten Ladestationen-Roaming-Gesellschaft. Auf diese Weise kann man zum Beispiel mit einer Wien-Energie-Ladekarte bis Hamburg fahren.

Öffentliche Ladestationen: Die Zusammenhänge
Auch Stadtgemeinden errichten gerne Ladestationen, oft in Kooperation mit ihrem lokalen Elektritzitätswerk. Bild © laggers.at

Spezielle Apps und Ladekarten.

Plugsurfing etwa ist ein Unternehmen, das selbst keine Ladestationen betreibt, sich aber auf ein Stromanbieter-übergreifendes Bezahlsystem spezialisiert hat, woraus sich ein relativ dichtes europaweites Ladenetz ergibt. Auch Autohersteller bieten gerne eigene Ladekarten an. Sie kooperieren ebenfalls mit einer Reihe von Stromanbietern.

Autobahntankstellen

Einen speziellen Fall stellt Ionity dar. Es handelt sich um ein Joint Venture der Automobilhersteller BMW Group, Daimler AG, Ford Motor Company und des Volkswagen Konzerns mit Audi und Porsche. Das Ziel: entlang europäischer Hauptverkehrsachsen ein Netzwerk leistungsfähiger Schnell-Ladestationen für Elektrofahrzeuge aufzubauen und zu betreiben. Viele Ladenetz-Betreiber sind auch Mitglied im Ionity-Ladenetz, das Laden ist also mit vielen Tankkarten möglich. Man kann sich aber auch direkt bei Ionity anmelden.

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Eine Ladesäule an einem ÖAMTC-Stützpunkt: Kein Bestandteil des öffentichen Ladenetzes, sondern für Mitglieder gedacht, etwa während man auf’s Pickerl wartet. © laggers.at

Ladeinfratruktur-Betreiber

Um die Betreuung der Hard- und Software und um die Abrechnung von Ladestationen kümmern sich wiederum oft eigene Unternehmen. Das läuft aber eher im Hintergrund ab. Davon bekommt die Kundschaft nicht viel mit, außer manchmal ein Logo oder ein Pickerl an eine Ladesäule wie hat.to.be oder ecotech.

Tarifdschungel

Während Haushaltsstrom in Österreich mit etwa 20 Cent pro Kilowattstunde abgerechnet wird, manchmal auch etwas darunter, ist der Preis an der öffentlichen Ladesäule von mehreren Faktoren abhängig und zum Teil sehr unterschiedlich. Es gibt Abrechnungsmodi in Zeit, aber auch in Kilowattstunden. Es gibt Tarifmodelle ohne und mit Grundgebühr, in der Regel nach der Logik, je höher die Grundgebühr umso geringer die Kosten für den tatsächliche geladenen Strom. Wenn die geladene Energie in Zeit abgerechnet wird, so kann man davon ausgehen, dass der Gebührenzähler auch weiterläuft, wenn das Auto schon vollgeladen ist. Bei Ionity etwa zahlt man nicht nach geladener Strommenge, sondern eine Pauschale pro Ladevorgang. Acht Euro pro Ladevorgang sehen jedenfalls nach Einführungsangebot aus. Da jeder Stromanbieter sein eigenes Tarifmodell hat, kann es sein, dass der Strom je nach Vertragsmodell an ein und derselben Säule ganz unterschiedlich viel kostet.

Rudolf Skarics

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