Elektroautos im PS-Rausch

Warum haben Elektroautos so hohe Motorleistungen?

Sinnvoll oder reine Angeberei? In einem Elektroantriebssystem entwickelt sich die Kraft ganz anders als in einem Verbrennungsmotor.

Es erscheint nicht ganz logisch, dass im Zeichen der Umweltschonung gerade Elektroautos immer noch höhere Motorleistungen aufweisen. Spöttisch könnte man sogar vermelden, Elektroautos im PS-Rausch. Es gibt aber auch eine Erklärung dafür, die dem vermeintlichen Skandal zumindest die spitzen Zähne nimmt. Tatsache ist nämlich, dass Elektroautos die extremen Leistungen nur kurzzeitig liefern können, und die dabei dramatisch schrumpfende Reichweite zusätzlich dafür sogt, dass das Fahrpedal in der Regel nicht allzu überschwänglich getreten wird.

Beim Verbrennungsmotors ging es über viele Jahrzehnte darum, möglichst große Lasten über möglichst steile Steigungen zu transportieren. Dafür benötigt man hohe Motorleistungen. Weil der Verbrennungsmotor einen Großteil der im Kraftstoff enthaltenen Energie aber nicht in Vortrieb, sondern in Wärme umwandelt, benötigt man auch sehr hohe Kühlleistungen. Die technischen Herausforderungen im Alltag lauteten also hauptsächlich, Steigungen zu bezwingen, ohne dass der Motor überhitzt.

Warum haben Elektroautos so hohe Motorleistungen?
Wenig Leistung, und trotzdem kam der VW Käfer über jeden Berg. Auch der Kühler konnte nicht überhitzen, weil der gar keinen hatte. Bei Überlastung kam es beim luftgekühlten Motor gleich zu einem Kolbenreiber. Das war aber sehr selten. Die wassergekühlten Autos verendeten seinerzeit oft in einer Rauchwolke. Foto: Volkswagen

Rauchende Kühler beim Verbrennungsmotor

Rauchende Kühler waren auf alpinen Passstraßen bis in die 1980er Jahre keine Seltenheit. Die Überwindung der Schwerkraft, der Gewinn an Seehöhe, war also in der Frühzeit des Automobils die wahre Herausforderung. Die löchrigen Verkehrswege ließen hohe Geschwindigkeiten ohnehin nicht zu. Die Zunahme an Geschwindigkeit im Verkehr war eher ein psychologisches Phänomen, das als Nebenprodukt der Steigfähigkeit erwuchs, befeuert durch den menschlichen Drang nach Höher-Schneller-Weiter, der sich seit der Antike in unterschiedlichsten Sportarten ausdrückte und so auch Autorennen gebar.

Die Mutter der Motorleistung ist also die Steigung, die Geschwindigkeit nur ein Nebenprodukt. Allerdings ein bedeutendes.

So kennen wir den Verbrennungsmotor nun als sehr kompaktes und berechenbares Kraftbündel, das jederzeit in der Lage ist, jede beliebige Straße zu bezwingen, ohne in einer Wolke der Überhitzung zu verenden. Geschwindigkeit ist eher eine Frage des Kurvenradius und der amtlichen Geschwindigkeitsbeschränkung. Steigungen spielen im mobilen Alltag eine Nebenrolle, man spürt sie erst so richtig, wenn man selber treten muss. Auf den einzigen unbeschränkten Straßenstücken der Welt, auf der deutschen Autobahn, kann man mit einem Verbrennerantrieb stundelang Vollgas mit Höchstgeschwindigkeit fahren, ohne dass er überhitzt oder kaputt geht.

Warum haben Elektroautos so hohe Motorleistungen?
Benziner und Diesel und deutsche Autobahn stellen in Form von möglichem Dauervollgas ein technisches Gesamtkunstwerk dar. Das Elektroauto bricht mit dieser Tradition. Foto: Volkswagen

Alles anders beim Elektroauto

Bei einem Elektroantrieb ist die Situation ganz anders. Hier zählt nicht nur, was der Motor leistet, sondern auch, wie viel Strom die Batterie in welcher Zeit liefern kann. Außerdem muss dazwischen der Strom vom Gleichstrom der Batterie in den Wechselstrom für den Motor umgewandelt werden.

Deshalb gibt es beim Elektroauto zwei Leistungsangaben. Die im Prospekt angeführte maximal erreichbare Leistung, die das Antriebssystem kurzzeitig abzugeben imstande ist und die Dauerleistung, die das Fahrzeug mindestens eine halbe Stunde lang aufbringen kann. Sie steht auch im Zulassungsschein. Denn das ist jene Größe, die von Amts wegen zählt, für Steuern und Versicherungen relevant ist.

Die Batterie kann auf Dauer nämlich nur eine begrenzte Menge Strom liefern. Zudem würde der Elektromotor bei Dauervolllast Probleme mit der Wärmeabfuhr kriegen wie ein alter Verbrennungsmotor. Darum sorgt ein elektronisches Antriebs-Management für die richtige Balance zwischen garantierter Dauerleistung und vorübergehendem Muskelspiel. So kann man mit einem Elektroauto trotz des höheren Eigengewichts ein äußerst dynamisches Fahrverhalten erleben.

Warum haben Elektroautos so hohe Motorleistungen?
Das Elektroauto kann nur über beschränkte Zeit die volle Leistung liefern, dann aber richtig viel. Foto: Volkswagen

Viel Leistung zum Rekuperieren

Die Angabe der hohen Spitzenleistung ist aber nicht nur Zahlenspiel oder Aufschneiderei für Webezwecke. Diese Power kann ja tatsächlich vorübergehend abgerufen werden. Und sie hat auch neben der Spaßkomponente eine ernsthafte Funktion. Beim Rekuperieren bergab oder beim Bremsen sorgt die hohe Motorleistung dafür, dass möglichst viel Bewegungsenergie zurückgewonnen wird. Denn je schwächer ein Motor ist, umso weniger Energie kann er im Schiebebetrieb regenerieren.

In engem Zusammenhang mit diesem Phänomen ist auch die Höchtgeschwindigkeitsangabe zu sehen. Die übliche Dauerleistung von Elektroautos liegt um die 50 kW, und das ist kein Zufall, denn das ist etwa jene Leistung, die ein Pkw benötigt, um 160 km/h schnell zu fahren, ein wenig Steigung, ein bisschen Gegenwind eingerechnet. Außerdem ist ja auch klar, dass das häufige oder gar dauernde Abrufen hoher Leistungen die Reichweite stark schrumpfen lässt.

Rudolf Skarics

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