Neu und schon gefahren: Jaguar I-Pace

Das große Schnurren des Jaguar

Die Katze ist aus dem Sack: Der erste vollelektrische Jaguar durfte nicht nur betrachtet, sondern auch höchstpersönlich gefahren werden.

Das große Schnurren des Jaguar

Zunächst einmal nimmt man die Karosserieform als „SUV tiefergelegt“ wahr, dann ist auch die starke optische Verwandtschaft zu den beiden bestehenden SUVs F-Pace und E-Pace unverkennbar, wobei der I-Pace schließlich näher dem F-Pace steht, nämlich in Größe, durch Aluminiumbauweise und die gleiche Radaufhängung. Dieses äußere Bild spitzt die Erwartungshaltung zu. Jetzt spätestens muss der Jaguar I-Pace wirklich einlösen, was sein Auftreten und sein Stammbaum versprechen, auch als Elektroauto.

Hohes Heck und gewaltige Walzen von Rädern bis zu 22 Zoll Durchmesser. Foto: Jaguar

Innenleben echt Jaguar

Innenraum: Wunderbar, enthält das im Range Rover Velar erstmals präsentierte „Touch Pro Duo Infotainment System“, nimmt also bedientechnisch einiges vorweg, was wir an weiterer Entwicklung auch bei anderen Jaguar-Modellen bald sehen werden, sauber gestaltet, ästhetisch hochwertig im Erscheinen, zeitgemäße volldigitale Instrumentierung in elegantem Layout. Kein Tablett-Monster trotz zweier Touch-Screens an der Mittelkonsole. Saubere Übergänge zwischen Kunststoff, Leder, Klavierlack und metallisch glänzenden Elementen. Und aufgepasst: Wer kein Fleisch isst, will auch auf keiner Kuhhaut sitzen, nur konsequent also auch in veganer Ausführung bestellbar, mit hochwertigen Textilien des dänischen Spezialisten Kvadrat.

Armaturenlandschaft bestehend aus drei Bildschirmen, zwei davon Touch und einem Head-up-Display optional. Foto: Jaguar

Mehr Sportwagen als Crossover

Trotz der Fahrzeughöhe ist die Sitzposition eher sportwagenhaft gestreckt. Die Design-Grundlinie des Sports-Utility-Vehicles kommt vor allem dem Raum für die Batterien und dem human nutzbaren Platz zugute (und der Elegance der Passagiere beim Ein- und Aussteigen, schlicht, weil man sich weniger bücken muss). Sonst eigentlich eher: Sportwagen. Kein Wunder, die mächtigen Batterien, allesamt in einer Wanne geschützt am Wagenboden zwischen Vorder- und Hinterachse angeordnet, sorgen für einen um 13 Zentimeter tieferen Schwerpunkt gegenüber dem E-Pace mit sehr ähnlicher Statur. Das ist extrem viel in einem Bereich wo es normalerweise um Millimeter geht und nicht um Zentimeter. Alle Basisfunktionen zum Autofahren sind tatsächlich dort zu finden und zu bedienen, wo und wie man sie erwartet. Ein wichtiger Punkt ist damit erfüllt. Das Elektroauto nicht als futuristisches Experiment oder ehrgeiziges Zukunftsszenario, sondern als handfester Sportwagen, schon einmal im ersten Platznehmen.

Hoher Nutzwert: Hinten Platz für drei Personen und 890 Millimeter Beinfreiheit. Foto: Jaguar

Fahren und Fahrspaß

Ich fahre los und spüre auf den ersten Metern, dass keiner der alten Grundwerte, die wir früher komplett banal als Fahrspaß bezeichneten, verloren gegangen ist oder gar verraten wurde. Im Gegenteil. Die neuen Möglichkeiten der elektrischen Plattform zur Erlebnissteigerung wurden voll genützt, die naturgegebenen Handicaps (Gewicht, Reichweite) des Elektroantriebs so weit wie möglich kompensiert, zurückgedrängt oder mit elektronischer Hilfe aufgehoben (z. B. Sound). Neue sehr erquickliche Facetten des Fahrspaßes erschließen sich schon in den ersten Kurven, Stichwort „One-Pedal-Feeling“ durch einen scharfen Rekuperationsmodus. Und ganz wichtig, damit auch der Preis passt: Uneingeschränktes Premium-Feeling.

Wenig SUV, viel Sportwagen und magnetische Straßenlage. Foto: Jaguar

Masse läuft wie magnetisch

Der enormen Fahrzeugmasse von 2,2 Tonnen stehen ein sehr tiefer Schwerpunkt und eine sehr hohe Motorleistung (400 PS) gegenüber. Unter dem Strich ergibt das eine enorme Dynamik, einen hefigen Schub und erhebliche Querbeschleunigung. Leicht fühlt sich das Auto deshalb aber nicht an. Das Gewicht ist allgegenwärtig, setzt eine mächtige Bremsanlage voraus (obwohl man sie fast nie nützt), wirkt aber in keinem Moment wie eine Last, sondern eher wie ein Magnet, der dich zu Boden zieht. Der Grundcharakter ist in allen Lebenslagen vom Allradantrieb geprägt in einer erfrischenden, sehr subtil heckbetonten Abstimmung. Ein erstklassiges Gefühl, wenn man sich das Rausbeschleunigen aus einem Autobahnkringel in die Beschleunigungspur der Autobahnauffahrt vorstellt, eine der bald letzten fahrdynamischen Freiräume im öffentlichen Verkehrsfluss.

Leder oder vegane Sitzbezüge, das ist hier die Frage. Foto: Jaguar

Lustvoll rekuperieren

Was die Fortbewegung im I-Pace ganz deutlich von gewohnten dynamischen Eindrücken unterscheidet, ist die Möglichkeit, aus zwei Rekuperationsstufen zu wählen. In Stufe eins erlebt man eine Dynamik, die sehr gut mit einem normalen Automatikfahrzeug vergleichbar ist. In Stufe zwei erhält man hingegen eine Dynamik, die ein Verbrennungsmotor nicht bieten kann, eine weitere Dimension der lustvollen Fortbewegung, die sich aus der scharfen Rekuperation heraus ergibt. Verstellbare Rekuperation gibt es bei anderen Fahrzeugen auch, ist auch dort ein wichtiger Beitrag zu einem positiven Fahrerlebnis. Hier im i-Pace wird aber über den Allradantrieb das Erlebnis noch einmal ein Stück erweitert. Das aktive Gefühl beim Beschleunigen wird um ein aktives Gefühl bei Kurvenannäherung erweitert, oder anders gesagt, Vom-Gas-Gehen und Bremsen wird eins. Der Übergang von Motorbremswirkung durch Rekuperieren auf harten Einsatz der mechanischen Radbremsen geht nahtlos vonstatten, wohl dank des sauber integrierten elektrischen Bremskraftverstärkers. Hier legt der Jaguar im Moment die Latte, da hat wohl auch die Herkunft als klassischer Automobilhersteller sehr geholfen.

Vergleich macht sicher: Der I-Pace in der Mitte ist dem F-Pace näher (rechts), sowohl in Länge und Fahrwerk als auch in der Karosserie. Foto: Jaguar

Sound: Vom Railjet bis zum Sechszylinder

Jaguar hat natürlich nicht vergessen, dass Autofahren mehr ist, als alleine zeitgemäß umweltschonend zu fahren, dass auch liebgewonnene Gewohnheiten zu beachten sind. So hat man auch das Sounddesign als grundlegende Disziplin wahrgenommen und bietet dem Fahrer eine akustische Untermalung in der geschmacklichen Spanne zwischen elektrischem Railjet-Sausen und V6-Zylinder-Maschinengeräusch.

Rudolf Skarics

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