Essay Autofahren mit Strom

Sauberer Strom statt schmutziges Erdöl

Es wird genug Strom da sein für alle, auch in Zukunft. Es ist aber wie immer mit dem Wohlstand: Eine Frage der klugen Auswahl der Ressourcen und der gerechten Verteilung übers Land.

Sauberer Strom statt schmutziges Erdöl

Wer ein Elektroauto betreiben will, fragt sich zunächst, ob es überhaupt genügend Möglichkeiten gibt, elektrischen Strom zu tanken. Verschärft wird diese Thematik dadurch, dass die Reichweite mit Elektroantrieb üblicherweise deutlich geringer ist als mit Verbrennungsmotor. Doch darüber steht noch eine viel bedeutendere Frage: Haben wir überhaupt genug Strom, um von Benzin und Dieselmotoren auf Elektroantrieb umzusteigen? Die gute Nachricht vorab: Beide Fragen sind grundsätzlich mit ja zu beantworten. Allerdings muss mit steigender Anzahl an Elektroautos fleißig und auch klug an der Verbesserung der Versorgungsinfrastruktur gearbeitet werden, sowohl auf Seite der Herstellung und Verteilung des Stroms als auch bei den konkreten Möglichkeiten zum Laden der Fahrzeuge.

Sauberer Strom statt schmutziges Erdöl
Rudolf Skarics: Wir müssen auch smart denken. Intelligenz ist von allen Seiten gefragt, nicht nur vom Stromnetz. Foto © laggers.at

Die Ausgangsposition: Der Bereich Verkehr ist zu rund 90 Prozent von fossilen Energieträgern abhängig. Gleichzeitig macht der Verkehr rund ein Drittel des Gesamtenergieverbrauchs aus. Das heißt, es rentiert sich, hier durch Umstellung auf elektrischen Strom den Hebel in Richtung erneuerbare Energie anzusetzen.

Gute Startposition für Österreich

Es ist aber nicht nur notwendig, von fossilen Kraftstoffen wegzukommen, es ist genauso wichtig, den Strom möglichst CO2-neutral herzustellen. Würde man am derzeitigen globalen Szenario der Stromproduktion festhalten, hätte das Elektroauto gar keinen Vorteil. Parallel zur Vermehrung der Elektroautos muss auch die Stromerzeugung auf CO2-neutrale Methoden umgestellt werden. Österreich hat dabei eine sehr gute Ausgangsposition, nämlich aktuell bereits einen sehr hohen Anteil an Wasserkraft (63 %) und eine markant steigende Tendenz bei Wind- und Solarkraft, Geothermie und Biomasse (16 %). Wir haben keine eigene Kernkraft und mit 21 % einen im internationalen Vergleich geringen Anteil an Energie aus Kohle- und Gaskraftwerken (Energie-Control 2016).

Österreich besitzt also jetzt schon eines der saubersten Stromnetze der Welt und kann auf dem Weg in Richtung erneuerbarer Energie in der Energiewende eine führende Rolle einnehmen. Natürlich sind der Errichtung von Windrädern lokal Grenzen gesetzt, genauso wie der Ausbau der Wasserkraft jetzt schon mancherorts erschöpft ist, aber bei kluger Standortwahl und Vernetzung ist eine Energieversorgung ohne nennenswerte Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen und damit bei sehr geringem Ausstoß an klimaschädigendem Kohlendioxid möglich.

Notwendige Investitionen ins Stromnetz

Da sich elektrischer Strom nicht besonders gut speichern lässt, kommt den Stromnetzen in Zukunft weiter steigende Bedeutung zu. Die Abhängigkeit regenerativer Stromherstellung von klimatischen Bedingungen und wechselnden Wetterlagen lässt sich am effektivsten mit leistungsfähigen Verbindungen zwischen den Energiequellen beherrschen. Doch auch der Ausbau von Stromnetzen ist nicht frei von Problemstellungen. Niemand hat gerne eine Hochspannungsleitung über seinem Kopf, auch nicht vor dem Fenster. Abhilfe versprechen Fernleitungen mit Gleichstrom, die technisch leichter beherrschbar sind, wenn sie über weite Strecken geführt und unterirdisch verlegt werden.

Neben dem Bau neuer Leitungen gibt es im Detail zahlreiche Möglichkeiten, um die Speicherung und Verteilung des Stroms über die Stromnetze signifikant zu verbessern. Die Elektronik eröffnet neue Möglichkeiten in der Steuerung. Hängen einmal sehr viele Fahrzeuge am Netz, können sogar diese zu Stromverteilung herangezogen werden, indem bei Bedarf ganz geringe Mengen an Strom wieder ins Netz zurückfließen. Das hätte für die einzelne Batterie kaum eine Auswirkung, würde aber dazu beitragen, das Stromnetz zu stabilisieren.

Mehrbedarf ja, aber Zeitfaktoren sind bedeutender

Der Klima- und Energiefond hat errechnet, dass eine Million E-Autos auf unseren Straßen einen Mehrbedarf an Strom von 3,6 % bedeuten würde, bei Umstellung des gesamten Pkw-Verkehrs auf Elektroantrieb würde der Stromverbrauch um 18 % steigen. Doch Mehrverbrauch alleine ist nicht die ganze Wahrheit. Besonders beim Strom ist Energieversorgung eine Frage des richtigen Timings. Fazit: Der Mehrverbrauch durch Elektroautos lässt sich im Rahmen einer ernstgemeinten ökologischen Energiewende beherrschen, zumal der Bestand an Elektroautos ja nur langsam ansteigen wird, also auch Zeit für umweltgerechten Ausbau der Stromversorgung bleibt.

Eine stabile Stromversorgung stellt seit Entdeckung der Elektrizität eine technische Herausforderung dar, der Mehrverbrauch durch Elektroautos macht das globale jonglieren mit Energie auch nicht leichter. Aber selbst die Tatsache, dass für ein gefürchtetes Phänomen der regenerativen Stromherstellung eigens das Wort Dunkelflaute kreiert wurde, sollte die Bemühungen nicht zu Fall bringen, sich von Kohle und Erdöl als Energieträger zu verabschieden. „Dunkelflaute“ beschreibt jenen Zustand, der vor allem im Jänner und Februar auftritt, wenn aufgrund von Kälte, Trockenheit, Windstille, Nebel und langen Nächten gleichzeitig die Verfügbarkeit regenerativer Energieformen vorübergehend stark zurückgeht.

Strom vom eigenen Hausdach

Zum anderen Ende der Leitung: Das Aufladen eines Elektroautos ist grundsätzlich ein völlig anderer Vorgang als das Tanken eines flüssigen oder gasförmigen Kraftstoffs. Es setzt eine wenn auch geringfügige menschliche Verhaltensänderung voraus. Die Reichweitenangst ist bei den jüngeren Elektroautos nicht mehr akut, mit 250 bis 500 km liegt man nicht mehr gravierend unter Verbrenner-Niveau. Trotz der Möglichkeit des Schnellladens an öffentlichen Tankstellen innerhalb einer halben Stunde, etwa auf einer längeren Reise, sollte ein Elektroauto aber vorwiegend langsam geladen werden, und zwar dort, wo es die meiste Zeit steht, in der Regel zuhause und/oder am Arbeitsplatz. Häufiges Schnellladen verringert die Leistungsfähigkeit und Lebensdauer der Batterien. Das heißt, der Betrieb eines Elektroautos setzt unter heutigen technischen Rahmenbedingungen eine eigene Möglichkeit zum Laden über Nacht voraus. Das klassische Modell der Tankstelle ist also nicht eins zu eins auf das Elektroauto übertragbar.

Das bedeutet, auch seitens der Feinverteilung des elektrischen Stroms sind erhebliche Anpassungen notwendig. Das österreichische Stromnetz mit dreiphasigem Drehstrom mit 400 Volt für jeden Haushalt ist grundsätzlich sehr leistungsfähig. Günstig wirkt sich auch die Tatsache aus, dass etwa die Hälft der österreichischen Bevölkerung in Einfamilienhäusern lebt, wo kaum große Neuinvestitionen zur Stromversorgung für ein Elektroauto erforderlich sind, wo es sogar möglich ist, den Strom fürs Autofahren auf dem eigenen Dach zu erzeugen. Aber selbst in Ballungsräumen ist das Hochhausproblem nach dem Motto, „ich kann ja mein Kabel nicht aus dem Fenster hängen lassen“, längerfristig durchaus überschaubar, zumal bei Neubauprojekten Ladestationen in Garagen und auf Abstellplätzen mittlerweile sogar zu einem wertbestimmenden Faktor für die Immobilienbranche wurden.

Haushaltstarif sicher nicht beim Schnellladen

Die Nachrüstung von Ladestationen auf bestehenden Parkplätzen und in Parkgaragen stellt derzeit allerdings einen Hürdenlauf dar: Zwischen unterschiedlichen Wohnbaugesetzen in den neun österreichischen Bundeländern und ganz verschiedenen technischen Voraussetzungen je nach Alter und Beschaffenheit einer Wohnhausanlage. Es gibt aber zahlreiche politisch Bekenntnisse, die Gesetzeslage zu vereinfachen. Schwierigkeiten an dieser Stelle sollten bald auf die technische Ebene reduziert sein.

Die Probleme mit Schnellladen unterwegs und mit unterschiedlichen Bezahlsystemen erscheinen hingegen eher aus dem Blickwinkel erdölgesteuerter Reisegewohnheiten als besonders dramatisch. Da sich die Energieversorger selbst offenbar mit der Schaffung eines gemeinsamen Bezahlsystems schwer tun, kommt jetzt auch Druck von den Autoherstellern, die an gemeinsamen eigenen Hochleistungs-Ladenetzen arbeiten, etwa Ionity (BMW, Ford, Mercedes, VW-Gruppe). Das heißt, auch längere Touren werden mit immer weniger Planung und ohne größere Verzögerungen mit dem Elektroauto möglich sein, allerdings ganz sicher nicht zum Haushaltsstromtarif, denn die Errichtung von Schnellladestationen entlang der Hauptverkehrsrouten ist eine kostspielige Angelegenheit.

Rudolf Skarics

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