Kommentar: Rudolf Skarics über Wasserstoff im Wahlkampf

Wasserstoff nicht ohne Strom

Wenn Wasserstoff als Energieträger der Zukunft hochgejubelt wird, sollte man nicht vergessen, dass es gar keine Wahlmöglichkeit zwischen Wasserstoff und Strom gibt, denn Wasserstoff wird durch Elektrolyse mittels Strom gewonnen, und zwar mit sehr hohem zusätzlichem Energieaufwand.

Wasserstoff nicht ohne Strom

Wasserstoff ist beim vielen Reden darüber irgendwie immer sauberer geworden und steht jetzt offenbar als Inbegriff für Lösungskompetenz, Tatkraft und Zukunftsgläubigkeit, dass sogar unser im Wahlkampfmodus oszillierender Ex-Bundeskanzler, in technischen Belangen sonst eher auf intensive Beratung angewiesen, sich des Themas freihändig angenommen hat. Sebastian Kurz will nichts Geringeres als „Österreich zur Wasserstoffnation Nummer eins“ machen. Dabei war Wasserstoff bis vor kurzem noch nicht so glänzend beleumundet. Man dache im günstigsten Fall an Haare, die beim Blondieren zu Stroh wurden, doch wohl öfter an die Wasserstoffbombe, eine besonders verheerende Spielart eines Atomsprengsatzes. Plötzlich wird Wasserstoff zum scheinbar allumfassenden systemischen Ansatz zur Lösung bestehender und noch kommender Probleme mit der Klimaerwärmung. Das Wortgebilde Wasserstoff ist in Zusammenhang mit Energiefragen offenbar an Sauberkeit und Effizienz nicht mehr zu übertreffen.

Wasserstoff nicht ohne Strom
So ist Wasserstoff sinnvoll: Elektrolyse aus Solarstrom bei Fronius in Wels. © Fronius

Wasserstoff rein, fossil raus

Die Argumentation scheint auch nachvollziehbar: Fossilen Kohlenstoff raus, Wasserstoff rein in den Tank: So könnte doch alles flott weitergehen wie bisher – ohne den Klimakollaps befürchten zu müssen. Doch die umweltgerechte Herstellung und das Handling von Wasserstoff sind ungleich aufwendiger als das Bereitstellen fossiler Kraftstoffe. Es ist auch mit hohen Verlusten bei der Energieumwandlung verbunden. Eine Umstellung auf Wasserstoff kann nur in jener Geschwindigkeit erfolgen, in der seine umweltgerechte Produktion garantiert ist. Derzeit wird Wasserstoff fast ausschließlich aus Erdgas hergestellt und stellt in dieser Form überhaupt keinen Ausweg dar. Wasserstoff ist aus heutiger Sicht keine Patentlösung, sondern nur dort ein plausibler Ansatz, wo batterieelektrische Anwendungen versagen, nämlich bei hohen Geschwindigkeit, Reichweiten und Transportlasten, also eher beginnend beim Lkw bis hin zum Flugzeug. Man darf nämlich nicht die Gesamtbilanz aus den Augen verlieren: Um die gleiche Arbeit zu verrichten, ist bei Verwendung von Wasserstoff doppelt so viel Energieeinsatz notwendig wie auf dem batterieelektrischen Weg. Wasserstoff gegen Elektrizität ist also gar nicht die Frage, die beiden müssen einander sogar ergänzen. Aus diesem Blickwinkel ist auch zu erkennen, wie extrem umweltfreundlich die Eisenbahn ist, weil sie den Strom direkt verwenden kann.

Wasserstoff nicht ohne Strom
Der Wasserstoffpreis von neun Euro pro kg hat nichts mit den wahren Gestehungskosten zu tun, er wurde willkürlich festgelegt, um mit Benzin und Diesel konkurrenzfähig zu sein. © laggers.at

Neuer Schwung für Atomstrom

Wasserstoff wird zweifellos eine zunehmende Rolle in der Energieversorgung einnehmen. Denn wenn fossiler Kohlenstoff zur Verbrennung tabu ist, bleibt nur mehr Wasserstoff als kompakter abfüllbarer, transportabler Energieträger übrig. Denn auch klimaneutrale Kraftstoffe aus Pflanzen stehen zumindest auf mittelbare Weise mit der Lebensmittelproduktion in Konkurrenz. Auch synthetische Kraftstoffe, die auf klimaneutrale Weise hergestellt werden und Diesel, Kerosin, Benzin und Erdgas ersetzen können, basieren auf Wasserstoff, der wiederum klimaneutral hergestellt werden muss. Und das geht wiederum nur mit Hilfe des elektrischen Stroms. Und hier ist der springende Punkt: Es gibt gar keine Wahlmöglichkeit zwischen Wasserstoff und Strom, denn Wasserstoff wird durch Elektrolyse mittels Strom gewonnen, wenn man ihn nicht aus fossilem Erdgas abspalten will. Man könnte auch Atomstrom verwenden, aber das ist eine ganz eigene Geschichte.

Wasserstoff nicht ohne Strom
Hyundai Nexo mit Wasserstoff-Brennstoffzelle: Wasserstoff ist sinnvoll, Forschung ist wichtig, aber man sollte auch klug steuern, welcher Weg wo hinführt. © laggers.at

Wasserstoff für Schwerverkehr synthetischer Kraftstoff für Flugzeuge

Deshalb ist es nicht sinnvoll, den Wasserstoff als große Vision aufzublasen, als Retter in der Not zu plakatieren, solange man nicht weiß, wo man den Strom für seine Herstellung hernehmen soll. Ein etwas realistischeres Zukunftsbild basiert zuerst einmal auf einem massiven Ausbau umweltfreundlicher Stromerzeugung mit intelligenten Stromnetzen und einer möglichst direkten Verwendung des elektrischen Stroms aus dem Netz und wo es möglich ist, mit Zwischenspeicherung in Batterien. Dann kann erst der nächste Schritt funktionieren: Speicherung der Energie durch Umwandlung in Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe. Wasserstoff vorzugsweise in Zusammenhang mit der Brennstoffzelle im Schwer- und Langstreckenverkehr und daraus hergestellte synthetische Kraftstoffe für Flugzeuge. Aus diesem Blickwinkel ist auch zu erkennen, wie extrem umweltfreundlich die Eisenbahn ist, weil sie den Strom direkt verwenden kann.

Wasserstoff nicht ohne Strom
Fast der gesamte Wasserstoff auf dem Weltmarkt wird derzeit aus Erdgas gewonnen. © laggers.at

Solche Entwicklungen setzen natürlich einen gewaltigen strukturellen Wandel in der Industrielandschaft voraus. Wasserstoff steht nun auch deshalb sosehr im Focus, weil er derzeit ein Produkt der Erdölindustrie ist, die ihre Rolle in einer Energiewende mit gesellschaftlich gewollten Rückgängen bei Erdöl und Erdgas wenigstens zum Teil über den Wasserstoff absichern will.

Rudolf Skarics

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